Die Planer des Ikea-City-Hauses haben sich bemüht, den Kunden entgegenzukommen – aus gutem Grund. Um Publikum, das vielleicht nur schnell ein Kissen oder eine Vase kaufen möchte, nicht abzuschrecken, sind überall mögliche Abkürzungen ausgeschildert. Und wer sich nicht im zweiten Stock in eine lange Schlange an der Kasse einreihen mag, kann im Erdgeschoss auch selbst am Kassenautomaten auschecken. Ein Vorgehen, mit dem Ikea gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.Im Schlosshotel Gaußig kann man nicht nur stilvoll in Prunk und Pracht logieren, sondern auch in exklusiver aristokratischer Gesellschaft dinieren. In dem einstigen DDR-Erholungsheim gibt sich ein echter Graf aus dem Westen die Ehre.Gaußig – Vielleicht kommt er heute. Es ist Freitagabend, im Speisesaal funkeln die Gläser, die Hotelgäste trudeln ein, die Herren im Anzug, die Damen in Bluse und Rock. Sobald man ein Schloss betritt, befindet man sich in einer anderen Welt – das ergibt sich ganz von allein. Also rücken einige Herren noch einmal ihre Krawatten zurecht, zwei Damen tuscheln aufgeregt: Heute trifft der Hausherr aus Berlin ein, und wenn er im Haus ist, speist der Graf oft mit den Gästen. Kellnerinnen in schwarzer Dienstkleidung mit weißen Schürzen bringen die Vorspeise, das Abendessen kann beginnen.

Man diniert auf einem Märchenschloss, und allen ist egal, dass es in Deutschland gar keine Grafen mehr gibt. „Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung 1919 wurden alle Vorrechte des Adels abgeschafft“, betont Christine Gräfin von Brühl, eine entfernte Cousine des Hausherrn, die in ihrem Buch „Noblesse oblige“ das Wohl und Wehe des scheinbar adeligen Lebens beschreibt: Es gibt ihn nicht mehr, „es ist also reinste Spielerei, wenn davon noch die Rede ist. Es ist wie ein altes Auto, das man hegt und pflegt und jeden Samstag auf Hochglanz poliert, obwohl es längst nicht mehr fährt.“Die Gäste auf dem Schloss wären mit dem Glanz völlig zufrieden, doch nach dem zweiten Gang betritt die Direktorin Uta Moritz den Saal und lässt den Grafen entschuldigen: Er sei angekommen, aber es sei eine anstrengende Woche gewesen, er habe sich in seine Räume zurückgezogen. Er bitte um Nachsicht, man sehe sich gewiss am nächsten Tag.

 Das Örtchen Gaußig liegt etwa fünfzig Kilometer östlich von Dresden, leere Landstraßen schlängeln sich durch winzige Dörfer und gelb leuchtende Rapsfelder, durch die offenen Autofenster rollt eine süße Duftwelle herein. Dann taucht das Ortsschild auf, die Kirche, und endlich Schloss Gaußig, ein beiges Barockschloss, vor 1713 erbaut. Es gehörte von 1747 bis 1750 Heinrich Graf von Brühl, dem gewieften Universalpolitiker unter August dem Starken und Vorfahren mütterlicherseits des heutigen Besitzers. Heinrich hatte zwar kein Händchen für die Wirtschaft und das Militär, aber sein Sinn fürs Schöne war famos.